Monthly archives: März 2016

Theodora Becker: Die (un)kontrollierte Frau. Prostitution und staatliche Überwachung im 19. Jahrhundert und heute

Das ambivalente Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft zur Prostitution lässt sich auf die Frage zuspitzen, warum und inwiefern die Prostitution in ihr nicht als Arbeit gilt, während sie zugleich doch nichts anderes sein kann als Erwerbsarbeit. Die Floskel, Prostitution sei “kein Beruf wie jeder andere”, wird auch in der gegenwärtigen Debatte um das neue Gesetz zur Regulierung der Prostitution immer wieder verwendet. Mit ihr wird legitimiert, dass es für die Prostitution andere Regeln brauche als für andere Erwerbstätigkeiten. Im Zentrum der Debatte steht dabei heute der angebliche “Schutz” von (migrantischen) Prostituierten vor Ausbeutung und Zwang, was sich auch in der Benennung des neuen Gesetzes als “Prostituiertenschutzgesetz” widerspiegelt. Der wohlmeinende Titel verdeckt die Tatsache, dass das Gesetz, dessen erklärtes Ziel es ist, “die in der Prostitution Tätigen besser zu schützen” und “ihr Selbstbestimmungsrecht zu stärken”, in erster Linie repressive und bürokratische Maßnahmen enthält, die darauf zielen, das Ausmaß der Prostitution zu verringern und das Gewerbe einer umfassenden staatlichen Überwachung zu unterwerfen: von einer Registrierungspflicht für Sexarbeiterinnen über eine Kondompflicht im Sexgewerbe bis zu strikten Auflagen für sämtliche Arten von “Prostitutionsstätten”.

Das Gesetz steht damit in einer Kontinuität mit der staatlichen Regulierung der Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts, die stets davon ausging, dass die Prostitution in ordnungspolitischer, hygienischer, sittlicher, strafrechtlicher und geschlechterpolitischer Hinsicht ein gesellschaftliches Problem darstellt, dem mit repressiven Maßnahmen gegen Prostituierte und Bordellbetreiber (bzw. “Zuhälter”) zu begegnen sei. Dabei lässt sich ein Wechselspiel zwischen Überwachung und Verdrängung, Regulierung und Verbot der Prostitution feststellen, was sowohl die ambivalente gesellschaftliche Haltung zur Prostitution (zwischen notwendiger Einrichtung und gesellschaftlichem Übel) ebenso wie das Scheitern der staatlichen Maßnahmen in Bezug auf die Kontrolle der Prostitution zeigt.

Das staatliche Handeln hatte dabei vier zentrale Ziele in Bezug auf die Prostitution: Erstens ihre Eindämmung und Einhegung, um ihre “entsittlichenden” Wirkungen auf die Gesellschaft so gering wie möglich zu halten; zweitens eine (polizeiliche) Kontrolle der Prostitution, um die mit ihr angeblich notwendig einhergehende Kriminalität zu bekämpfen und Schwarzarbeit, Irregularität und Informalität der Branche zu mindern: der Kampf gegen das “Milieu”; drittens gesundheitspolitische Maßnahmen, die verhindern sollen, dass durch die Risiken des wechselnden (öffentlichen) Geschlechtsverkehrs die “Volksgesundheit” beeinträchtigt wird; sowie viertens der “Schutz” der Prostituierten vor Ausbeutung, Gewalt und Zwang.

Auch wenn nun in der öffentlichen Debatte der letztere Aspekt in den Vordergrund gerückt wird, so ist doch der Schutz des “öffentlichen Anstandes” noch immer Teil der Gesetzgebung zur Prostitution, ebenso wie die strafrechtliche Regulierung. Eine konsequente Entkriminalisierung und Legalisierung sind nicht in Sicht.

Der Vortrag beleuchtet vor diesem Hintergrund das neue Gesetz und die Auswirkungen, die es haben könnte, sowie die Veränderungen und Kontinuitäten der gesellschaftlichen Ansichten zur Prostitution unter dem Aspekt der Sexualmoral und des Begriffs von Arbeit.

(Quelle des Textes)

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Referenzen

August Bebel – Der Sozialismus und die Frau

Alfred Blaschko

Siegfried Kracauer

Anna Pappritz

Cesare Lombroso

Karl Kraus

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RV-15-05 Matti Traußneck: Rasse und Rassismus. Eine Kategorie und Praxis moderner Ungleichheit

13.05.2015: Rasse und Rassismus. Eine Kategorie und Praxis moderner Ungleichheit (Matti Traußneck, Marburg)

 

Der Vortrag behandelt Entstehung, Geschichte, Ideologie und Funktionsweise des Rassismus. Durch eine materialistische Rekonstruktion wird deutlich, wie rassistische Konzepte aus den Ideen der Aufklärung, der Wissenschaft und des Fortschritts entstanden sind. Die in sich widersprüchlich erscheinende Ideengeschichte der Moderne kann erst durch eine Konfrontation mit der Geschichte ihrer ökonomischen Entwicklung verstanden werden. Daran zeigt sich, wie die weltweiten Kämpfe um Freiheit und Unfreiheit, Gleichheit und Ungleichheit auf dem Zusammenhang von Ökonomie und Philosophie beruhen.

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Referenzen

Christian Delacampagne

Ali Rattansi

Immanuel Kant

David Hume

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RV-15-04 David Palme: Philosophie im Nationalsozialismus

06.05.2015: Philosophie im Nationalsozialismus (David Palme, Frankfurt) Moderation: Winfried Schröder (Marburg)

 

In seinem Vortrag “Nationalsozialistische Philosophie” stellt David Palme die These auf, dass es eine originär nationalsozialistische Philosophie gibt und gab. Er wendet sich dabei gegen Positionen, wie die des Konstanzer Philosophen Gereon Wolters oder des Chemnitzer Totalitarismusforschers Lothar Fritze, die entweder behaupten im Nationalsozialismus habe es keine eigene Philosophie gegeben bzw., die Ansichten dieser Zeit seien nicht von “normaler” Philosophie zu unterscheiden. Solche Erklärungen hält er für einen unzulässige Freispruch der Philosophie, und widerspricht ihnen daher im Verlauf des Vortrags auf Basis der historischen Quellen. So habe es eine von NS-Institutionen geförderte akademische Forschung gegeben, die auf philosophische Fragen philosophische Antworten im Sinne des NS lieferte. Dies wird anhand zahlreicher Zitate von NS-Autoren belegt, u.a. Alfred Bäumler, August Faust oder dem Marburger Erich Jaensch. Die Frage, was dabei als “nationalsozialistisch” zu gelten habe wird als zentrales Problem behandelt, an das sich weitere philosophische Überlegungen anschließen. Die Philosophie hat es bisher versäumt, sich der Auseinandersetzung um die eigene Rolle in Bezug auf den NS zu stellen. Der Vortrag fordert, dies endlich nachzuholen.

Referenzen

Martin Heidegger

Gereon Wolters)

Julius Ebbinghaus

Lothar Fritze

August Faust

Thomas Kuhn

Otfried Höffe

Philippa Foot

Ernst Rudolf Huber

Karlfried Graf Dürckheim

Moishe Postone

Wolfgang Bialas

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RV-15-03 Alexandra Kurth: “Amour, Absinth, Revolution”. Männerbündische Phantasien im 21. Jahrhundert

29.04.2015: “Amour, Absinth, Revolution”. Männerbündische Phantasien im 21. Jahrhundert (Alexandra Kurth, Gießen)

Alexandra Kurth, Politologin, spricht in ihrem Vortrag “Amour, Absinth und Revolution – Männerbündische Phantasien im 21. Jahrhundert” über Studentenverbindungen als letzte Bastion gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter. An ver. Beispielen verdeutlicht sie Männlichkeitskult und Sexismus als konstitutiven Charakter einer geschlossenen Gemeinschaft.

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Norbert Elias

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RV-15-02 Samuel Salzborn: Extremismus der Mitte

22.04.2015: Extremismus der Mitte (Samuel Salzborn, Göttingen)

 

Den zweiten Vortrag der Ringvorlesung hält Samuel Salzborn, der derzeit die Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen innehat. In seinem Beitrag setzt er sich auf theoretischer Ebene mit dem Begriff des Extremismus und verschiedenen Erscheinungsformen auseinander. In einem nächsten Schritt geht Salzborn auf die unterschiedlichen Erklärungsansätze von Extremismus ein. Er erläutert, weshalb aus seiner Sicht der Ansatz des ‘Extremismus der Mitte’ anderen Erklärungsansätzen vorzuziehen ist. Dieser geht auf den amerikanischen Soziologen Seymour Martin Lipset zurück, der ihn 1959 unter dem Label “extremism of the center” entwickelt hat. Mit dem Erklärungsansatz des ‘Extremismus der Mitte’, sei es Salzborn zufolge sowohl in der Forschung wie auch in politischen Auseinandersetzungen eben nicht möglich, Rechtsextremismus als Rand(gruppen)phänomen zu deklarieren.

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Wilhelm Heitmeyer

Norberto Bobbio

Johan Galtung

Richard Stöss

Wolfgang Gessenharter

Uwe Backes

Eckhard Jesse

Seymour Martin Lipset

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Monika Jungbauer-Gans: “Frauen in der Wissenschaft – Gleiche Chancen, ungleiche Voraussetzungen?”

Acht von zehn Professuren sind in Deutschland von Männern besetzt. Frauen, die Wissenschaft als Beruf betreiben wollen, sind gegenüber ihren männlichen Mitwerbern mit erheblichen strukturellen Barrieren konfrontiert. Doch es scheint Bewegung in diese Konstellation gekommen zu sein: Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge stieg der Frauenanteil bei Professuren etwa in den Sozialwissenschaften bundesweit von 16,2% im Jahr 2000 auf 37,2% im Jahr 2013 – ein Ergebnis, das sich ohne Zweifel auch auf gleichstellungspolitische Initiativen zurückführen lässt. Wie diese Entwicklung aber letztlich zu deuten ist, gibt innerhalb und außerhalb der Wissenschaft aktuell Anlass für kontroverse Debatten und kritische Fragen: Haben Frauen heute die besseren Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere? Sind Männer damit womöglich die “Verlierer” gleichstellungs politischer Maßnahmen? Welche Faktoren beeinflussen in Deutschland die Chance, auf einen Lehrstuhl berufen zu werden? Und wo beginnt die sogenannte “gläserne Decke” der Wissenschaft?

Monika Jungbauer-Gans, Professorin für Empirische Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, spricht in ihrem Vortrag über gegenwärtige Voraussetzungen, Möglichkeiten und Beschränkungen einer beruflichen Karriere in der Wissenschaft. Ausgangspunkt bildet ihre von der DFG finanzierte Studie Determinants of Success in University Careers: Findings from the German Academic Labor Market, die sie 2013 gemeinsam mit Christiane Gross in der Zeitschrift für Soziologie veröffentlichte.

Die Aufnahme steht unter der CC BY-SA 3.0 Lizenz

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