Monthly archives: November 2009

Frigga Haug – Wohin ging die Erbschaft aus der verschwundenen Frauenbewegung? Versuch einer Wiederaneignung in feministischer Perspektive

Die „Grand Dame“ des marxistischen Feminismus zu Besuch in Marburg: Frigga Haug, eremitierte Professorin für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, erörterte am Dienstagabend in der Philipps-Universität die Frage „Wohin ging die Erbschaft der verschwundenen Frauenbewegung?“. Rund 200 Interessierte waren zu dem Vortrag der aktiven Feministin und Sozialistin Haug gekommen, der zugleich den Auftakt der Veranstaltungsreihe „Gender Lectures“ des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität bildete: Unter dem Titel „Kritik – Emanzipation – Utopie“ werden in diesem Rahmen im Laufe des Wintersemesters ausgewiesene Expertinnen zentrale Fragestellungen des Feminismus und der Gender Studies behandeln. Frigga Haug steht dabei für eine marxistische Strömung des Feminismus; die 72jährige habe sich stets bemüht, „den Linken den Feminismus und den Feministinnen linke Perspektiven beizubringen“, wie es Ingrid Kurz-Scherf, Professorin am Institut für Politikwissenschaft und geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung umschrieb.

Haug lieferte in ihrem Vortrag eine Interpretation der Gründe für den Niedergang des Feminismus und der Frauenbewegung: Einerseits seien in der öffentlichen Debatte Zerrbilder von den „lustfeindlichen Lila-Latzhosenträgerinnen“ produziert worden. Feminismus sei für junge Frauen somit kein attraktives Projekt, eher „der Apfel, den man nicht essen sollte“. Andererseits hieße es landläufig, Frauen hätten angesichts ihrer starken Präsenz in Talkshows etc. die Macht sowieso bereits übernommen. Haug hielt diesen Zerrbildern Zahlen von UniFem entgegen, die eine andere Realität offenbaren: Das Verhältnis von Männern und Frauen an Regierungen fiele weltweit mit 4:1 enttäuschend aus, die Unterdrückung der Frauen bestehe global weiter fort, etwa 2/3 aller Frauen würden weltweit im Laufe ihres Lebens Opfer von sexueller Gewalt. Trotz der globalen Missstände existiere aber keine schlagkräftige Frauenbewegung mit sozial-emanzipatorischen Ansprüchen mehr – diese sei vielmehr beerbt worden durch nicht-linke Strömungen wie dem „konservativen Feminismus“ einer Familienministerin v. d. Leyen oder der ehemaligen TV-Sprecherin Eva Hermann, sowie dem „Elitefeminismus“, vertreten durch die Journalistin Thea Dorn, welcher Leistungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Individualisierung von Frauen beschwöre und somit dem Neoliberalismus in die Hände gespielt habe. Die Frauenbewegung habe aber immer mehr gewollt als „nur Gleichstellung“ – sie habe für eine andere Gesellschaft gekämpft. Gegen das derzeitig vorherrschende kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das nur Arbeit im Produktionssektor als solche anerkennt und den Bereich von Hausarbeit und Pflege abwertet, schlug Haug ein Alternativ-Modell vor, welches sie in ihrem Buch „Die 4-in-einem-Perspektive“ ausbuchstabiert hat: Mit der Forderung „Teilzeitarbeit für alle“ hätten die Menschen größere Möglichkeiten, sich der Haus- und Familienarbeit, kreativen und genießerischen Tätigkeiten, und nicht zuletzt politischen Aktivitäten zu widmen.

Organisatorinnen und Beteiligte der Veranstaltung sind gespannt, ob und wie sich diese Vision der feministischen Marxistin Haug mit den Ideen der anderen Wissenschaftlerinnen zusammenbringen lassen, die zu den „Gender Lectures“ in diesem Wintersemester geladen sind: Am 12.01.2010 spricht Prof. Dr. Andrea Maihofer (Univeristät Basel) über „Prekarität feministischer Kritik“, am 26.01.2010 Prof. Dr. Cornelia Klinger (Universität Tübingen) über „Unzeitgemäße Betrachtungen über die Möglichkeit einer Theorie des Patriarchats“ und am 02.02.2010 Prof. Dr. Barbara Holland-Cunz (Universität Gießen) über „Krisen und Utopien“. Die Vorträge sind öffentlich und finden um 20h c.t. im HS 207 im Hörsaalgebäude, Biegenstraße 14, statt.

Text: Eva Behrendsen – Oberhessische Presse, Freitag, 30. Oktober, S. 2

Mehr Informationen unter: http://www.uni-marburg.de/genderzukunft/

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Podcast mit John Kannankulam

John KannankulamJohn Kannankulam ist der Nachfolger Hans-Jürgen Bieling als Juniorprofessor an unserem Institut. In dem Podcast sprechen wir über den Schwerpunkt der Juniorprofessur, politische Ökonomie und Europäische Integration, und was überhaupt eine Juniorprofessur ist. Außerdem gibt es was über interessante Hobbys von unserem neuen Juniorprofessor zu erfahren. Viel Spaß beim hören. Das Podcast ist diesmal auch etwas kompakter. Über Feedback freuen wir uns natürlich.

Frank, Markus, Laura & Olli

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Kerstin Palm – Was kann die biologische Forschung über Geschlechterunterschiede aussagen?

Die biologische Forschung gilt als objektive und zuverlässige Lieferantin von Faktenwissen über den lebenden Körper. Deswegen erscheinen ihre Ergebnisse gerade in Zeiten einer vermehrten Debatte über Geschlechteridentitäten als letzte Zuflucht, um sich im Dickicht divergierender Meinungen und unterschiedlicher Identitätsangebote zu orientieren. “Was kann die biologische Forschung über Geschlechterunterschiede aussagen?” zu dieser Frage hat die promovierte Biologin und habilitierte Kulturwissenschaftlerin Kerstin Palm am 17.11.2009 in Marburg vorgetragen und mit einem interessierten Publikum diskutiert.

Kerstin Palm machte in ihrem Vortrag zur Biologie deutlich, dass auch die Ergebnisse biologischer Forschung als Produkte einer Kultur bedingten Naturauslegung gelesen werden müssen, die durch gesellschaftlich Machtverhältnisse geprägt sind. Am Beispiel der aktuellen Gehirnforschung gab sie einen anschaulichen Einblick in die Arbeitsweise der kritischen Geschlechterforschung in der Biologie, der zugleich dazu anregen sollte, selbst einen kritischen Blick auf naturwissenschaftliche Ergebnisse zu entwickeln und die in Umlauf befindlichen Forschungsergebnisse angemessen zu beurteilen.

Mehr Informationen unter: http://www.uni-marburg.de/genderzukunft/

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